Andrina Ruprecht

«Auch kleine Schritte können grosse Fortschritte sein.»

Kleinkinder mit Behinderung entwickeln sich langsamer als andere. Umso grösser ist die Freude, wenn sie sichtbare Schritte vorwärts machen. Andrina Ruprecht (23), dipl. Kindererzieherin HF, begleitet und fördert sie dabei.  

1963 gründeten Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung gemeinsam den Verein Visoparents Schweiz. Heute berät er Eltern und Fachpersonen im Bereich «Kind mit Seh- und Mehrfachbeeinträchtigung» und stellt auch praktische Angebote zur Verfügung – zum Beispiel integrative Kindertagesstätten in Dübendorf und Baar sowie eine Heilpädagogische Tagesschule in Oerlikon.
Die ältere dieser Kitas ist das Kinderhaus Imago nahe beim Bahnhof Stettbach, wo sich auch die Beratungsstelle des Vereins befindet. Hier sind rund 80 Kinder mit und ohne Beeinträchtigung angemeldet; im Schnitt sind 50 – 60 Kinder anwesend, die in drei Gruppen von rund 30 Mitarbeitenden betreut werden.
Eine dieser Betreuerinnen ist Andrina Ruprecht, diplomierte Kindererzieherin HF.

Auf geradem Weg zum Wunschberuf

Schon während der Sekundarschule verdiente sich Andrina Ruprecht ihr Sackgeld mit Babysitten; sie half aber auch ihrem Gotti bei der Betreuung des Sohnes mit Beeinträchtigung. Kommt dazu, dass bereits ihre Mutter als Kleinkindererzieherin arbeitete. So stand ihr Berufswunsch von Anfang an fest: Sie wollte FaBe werden, und am liebsten wollte sie ihre Lehre in einer Institution machen, in der auch Kinder mit Beeinträchtigung betreut werden. Ihre Eltern verlangten, dass sie auch in anderen Berufen schnupperte, aber mit einer kaufmännischen Grundbildung konnte sie sich überhaupt nicht anfreunden. So bewarb sie sich beim Kinderhaus Imago – und bekam hier auch ihre Lehrstelle.
Nach ihrem Abschluss ging sie ein paar Monate auf die Reise und kehrte schliesslich ins Kinderhaus zurück. Ein Jahr später begann sie bei Agogis die zweijährige Ausbildung zur dipl. Kindererzieherin HF; dafür reduzierte sie ihr Pensum im Kinderhaus auf 80 %. «Wir waren erst der dritte Jahrgang, der abschloss. Bei der Stellensuche hatten einige von uns Mühe, weil in vielen Jobs zwar genau ihre Fähigkeiten verlangt waren, aber ausgeschrieben waren sie für Sozialpädagogen. Unsere Berufsbezeichnung hat sich leider noch nicht durchgesetzt; sie wird oft verwechselt mit dem früheren Beruf der Kleinkindererzieherin, im Prinzip der heutigen FaBe.»
Dabei haben Kindererzieherinnen HF und Sozialpädagoginnen HF viele Gemeinsamkeiten: Als Studierende werden sie in gemeinsamen Klassen unterrichtet und absolvieren ungefähr zwei Drittel der Ausbildung gemeinsam.


Betreuung von Kindern mit und ohne Beeinträchtigun

Spricht Andrina Ruprecht mit Bekannten über ihren Beruf, fallen sehr schnell Begriffe wie «Spielen, Spazieren, Windeln wechseln». Doch meist braucht es nur wenig, um sie davon zu überzeugen, dass es um weit mehr geht. «Um es bescheiden zu formulieren: Wie legen den Grundstein der Menschheit von morgen!» 
Gerade eine Kita wie das Kinderhaus Imago trägt in dieser Hinsicht eine grosse Verantwortung. Ungefähr die Hälfte der Kinder haben eine Beeinträchtigung, von Verhaltensauffälligkeiten bis zu Mehrfachbeeinträchtigung. Es gibt Kinder, die über ein Tracheostoma atmen, die stark sehbeeinträchtigt sind oder sich nicht aus eigener Kraft bewegen können. Doch für die nichtbeeinträchtigten Kinder wird der Umgang mit ihren «Gspänli» sehr schnell zum Normalfall. Sie gehen ohne Vorurteile auf sie zu und werden sich in kurzer Zeit bewusst, dass nicht alle gleich schnell sind, ihre Umgebung gleich wahrnehmen, das Gleiche essen können. 
Etwas mehr Überzeugung braucht es dafür bei einigen Eltern, die skeptisch sind, ob ihre Kinder hier nicht zu kurz kämen. Aber auch sie erkennen bald, dass sie sich in dieser Hinsicht keine Sorgen machen müssen: Die gemischte Gruppenzusammensetzung hilft schon den Kleinsten, Verständnis und Empathie für andere zu entwickeln – und das hat sichtbar positive Auswirkungen auf ihre soziale Entwicklung.

Überwindung auch für die betroffenen Eltern

Für Eltern von Kindern mit Beeinträchtigung ist die Betreuung oft ein 24-Stunden-Job. Sie kennen jede Regung ihres Kindes und wissen, wie sie darauf reagieren müssen. Da ist es oft schwierig, das Kind in andere Hände zu übergeben, es für einen oder mehrere Tage loszulassen und die freie Zeit zu geniessen. Einige reagieren mit schlechtem Gewissen («Ich möchte mein Kind nicht einfach abschieben») oder mit ausgeprägter Sorge («Vielleicht können die Betreuenden meinem Kind nicht das geben, was ich ihm geben kann»). 
Sind die Kinder einmal ans Kinderhaus gewöhnt, verschwinden oft auch die Vorbehalte, und das gute Gefühl des Vertrauens überträgt sich auch auf die Kleinen. 
Auch wenn die Betreuung von Kindern mit Beeinträchtigung anspruchsvoll ist und eine Menge Zusatzarbeit wie Beobachtungsberichte, Entwicklungsbögen oder die Formulierung individueller Förderziele nötig ist – Andrina Ruprecht ist überzeugt, dass sie ihren Traumberuf gefunden hat. Bereits hat sie ein Fernziel im Kopf: irgendwann eine eigene Kita zu eröffnen.